Thema des Monats
Kommt Big Brother 2.0? (06.06.2007)
Die Welt der Internetnutzer ist in zwei Lager gespalten. Die einen sind chronisch misstrauisch, wittern bei jeder höflichen Nachfrage nach Daten wie der E-Mail-Adresse gleich einen ausgewachsenen Betrugsversuch und übertragen konsequent keine sensiblen Daten übers Internet. Motto: Datenschutz ist alles. Homebanking und eCommerce? Teufelszeug!
Die anderen machen sich über dieses Thema keinerlei Gedanken. Sie breiten ungeniert in Foren und Blogs ihr Seelenleben aus, stellen Fotos ins Netz, zeigen online Videos her und unterhalten sich per Onlineverbindung mit Freunden und Bekannten. Sie leben ihr Leben öffentlich - im Netz. Ohne sich Gedanken über die Folgen zu machen.
Seit Web 2.0 leben viele öffentlich
Wirklich klug ist keine der beiden Haltungen. Wer wie der US-Amerikaner Justin aus San Francisco unter www.justin.tv im wahrsten Sinne des Wortes sein komplettes Leben öffentlich macht - der junge Mann zeichnet 24 Stunden am Tag mit einer extra entwickelten mobilen Webcam alles auf und stellt die Videobilder live ins Netz -, darf sich wohl kaum über mangelnde Privatsphäre beschweren. In diesem Fall ist die Öffentlichkeit im Web bewusst gewählt. Das Ganze ist ein Experiment und zweifellos zeitlich befristet (auch wenn es auf der Homepage anders heißt). Außerdem gibt es einen kommerziellen Hintergrund: Justin will mit seinem Experiment früher oder später Geld verdienen.
Doch Justin ist kein Einzelfall. Seitdem es Web 2.0 gibt, machen viele ihr Leben eher unbewusst öffentlich. Scheibchenweise. Mal hier was, mal dort was. So werden sie zum gläsernen Menschen. Denn im Zeitalter von Google und Co. lassen sich öffentlich gemachten Texte, Fotos und Videos schnell zusammensuchen. Hier ein paar Notizen im Blog, dort einige Forumseinträge - alles schnell gefunden. Wer dann noch gezielt bei flickr nach Fotos sucht und sich in Youtube nach Videos von der letzten Party umschaut, bekommt schnell ein ganz gutes Bild von einer Person.
An die Folgen denken: Das Web vergisst nichts
Und das ist längst nicht alles. 'Schwarze Bretter' wie MySpace oder Online-Studentennetzwerke sind heute eine Selbstverständlichkeit für jeden jungen Menschen mit Internetanschluss. Auch hier erfährt man viel Privates über die Menschen. Auch, mit wem sie Umgang pflegen und befreundet sind. Eine Freundschaft - im Web nur ein Mausklick weit entfernt. Doch es geht weiter: Bei last.fm erfährt man mehr über den Musikgeschmack des einzelnen. Und auf Onlineplattformen wie twitter.com teilen die Mitglieder sogar gerade mit, wo sie sich aufhalten, was sie machen, woran sie denken. Wenn sie nicht vor dem PC sitzen, geht das auch per SMS. Motto: Immer vernetzt - und alle sollen es wissen.
Das dient zweifellos alles der Unterhaltung. Kommunikation ist was Feines - und die Stärke des Internet. Doch wer Texte, Fotos, Videos oder was auch immer online stellt, sollte immer bedenken: Das ist nicht nur für den Moment, sondern für die Ewigkeit. Denn das Internet vergisst nichts. Im eigenen Blog lassen sich Einträge relativ leicht wieder entfernen, in fremden Systemen ist das schon schwieriger. Und selbst wenn etwas gelöscht wird: Es gibt Online-Archivsysteme wie archive.org, die immer wieder ein Abbild des Webs auf Servern speichern. Dauerhaft. Hier kann man sich anschauen, wie eine Webseite früher ausgesehen hat - und mit etwas Glück also auch gelöschte Einträge oder Beiträge wieder finden.
Für ein gesundes Maß an Anonymität sorgen
Darüber sollte sich jeder im Klaren sein. Und vielleicht noch mal einen Moment nachdenken, bevor der 'Senden'-Button angeklickt wird. Denn wer weiß schon so genau, ob wirklich jeder das Foto von der letzten Party sehen soll. Und ob das öffentlich geführte Streitgespräch tatsächlich auch in zwei Jahren noch souverän wirkt. Oder in zehn. Längst 'googeln' viele ihren Gesprächspartner, bevor sie ihn treffen. Und wer sich irgendwo bewirbt, muss damit rechnen, dass auch die Mitarbeiter der Personalabteilungen im Netz recherchieren. Nicht so schön, wenn das Image im Netz nicht zur Bewerbung passt.
Es geht nicht darum, nun unnötige Hemmungen aufzubauen. Die Möglichkeiten des Internet sind enorm und spannend. Aber es besteht fast immer die Möglichkeit, anonym im Web aufzutreten. Mit einem einfallsreichen Namen, der nichts mit der Realität zu tun haben muss. Davon sollte jeder Gebrauch machen. Außerdem gibt es beim Onlinestellen von Fotos und Videos fast immer die Möglichkeit, nur einen geschlossenen Benutzerkreis zuzulassen. Auch das ist eine sinnvolle Möglichkeit, für etwas mehr Privatsphäre zu sorgen.
Links
- http://www.justin.tv
Justin.tv: 24 Stunden am Tag alles im Web - live - http://de.wikipedia.org/wiki/1984_%28Roman%29
Wikipedia über Big Brother - http://panopti.com.onreact.com/swf/index.htm
Panopticom: Einige Informationen über Datenschutz









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