Mittwoch, 23. Mai 2012

Thema des Monats

Ein zweites Leben in Second Life (04.04.2007)

Wie wär's mit einer zweiten Chance? Diese Frage beantworten derzeit erstaunlich viele mit 'Ja, auf jeden Fall!' Die Online-Plattform 'Second Life' kann sich jedenfalls kaum über mangelndes Interesse beklagen. Über fünf Millionen Besucher aus aller Welt haben sich bereits registriert und sind zu 'Citizens' geworden, zu offiziellen Bürgern des Second-Life-Universums. Das Interesse an der 'neuen Welt' lässt sich leicht erklären: Es gibt kaum ein Medium, das in letzter Zeit nicht über die virtuelle 3D-Welt aus Kalifornien berichtet hätte. Ob Fernsehen, Radio, Magazine oder Zeitungen, überall ist das Phänomen 'Second Life' derzeit Thema.

Phänomen Second Life: Avatar garantiert Anonymität

Für alle, die noch nicht davon gehört haben - oder der virtuellen Welt selbst noch einen Besuch abgestattet haben: Second Life ist eine Online-Plattform, in der Internetbenutzer in die Anonymität abtauchen können. Sie steuern mit der Maus in der Hand einen Avatar (eine Kunstfigur, die jeder nach eigenem Geschmack und eigenen Vorstellungen gestalten kann) durch die 3D-Modellwelt. Sie plaudern mit anderen Kunstfiguren, gehen virtuell shoppen - und manche bauen sich sogar ein eigenes Zuhause. Oder lassen es bauen, denn so etwas ist sehr aufwändig.

Das alles ist nicht unbedingt neu. 3D-Chatwelten gibt es bereits seit Jahren. In punkto Detailreichtum haben Google Earth und Virtual Earth heute deutlich mehr zu bieten. Neu ist allerdings, wie konsequent Linden Labs, die Betreiberfirma von Second Life, von Anfang an auch an das Thema Geldverdienen gedacht hat. Es gibt sogar eine eigene Währung, den Linden-Dollar, der sich problemlos gegen echtes Geld tauschen lässt - in beide Richtungen. Second-Life-Citizens können aber nicht nur Geld ausgeben, sondern auch Geld verdienen. Und das ist der Trick. Viele wittern Goldgräberstimmung. Es sieht sie in die neue Welt.

Virtueller Handel mit virtueller Währung

Wohl nirgendwo sonst kann jemand mit so wenig Aufwand einen eigenen Onlineshop einrichten - und virtuelle Güter verkaufen. Jeder Abonnent kann virtuelle Gegenstände herstellen. Mit einem speziellen Baukasten lassen sich Rechtecke, Dreiecke, Kreise und Flächen zu komplexen virtuellen Gegenständen zusammensetzen. Und die können dann verkauft werden. Der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt. Entsprechend groß ist das virtuelle Warenangebot, insbesondere, um aus einem Standard-Avatar einen richtig schicken, außergewöhnlichen Avatar zu machen. Die schicke Sonnenbrille mit anthrazitfarbenem Bügel? Kostet im Onlineladen nur wenige Eurocent. Der rote Ferrari? Kostet schon mehr. Und das repräsentative Anwesen im mediterranen Stil? Das kann sich dann schon nicht mehr jeder leisten. Denn man zahlt nicht nur für das Haus, sondern auch für das Grundstück - und zwar jeden Monat.

So gesehen kann man in Second Life eine Menge lernen. Vor allem, wie Kapitalismus funktioniert. Nicht wenige versuchen in Second Life ihr Glück: Kleinunternehmer, die mal so richtig Kasse machen wollen. Aber auch große Konzerne. Derzeit werden rund 1,5 Millionen reale Dollar pro Tag in Second Life ausgegeben. Tendenz: Steigend. Kein schlechtes Bruttosozialprodukt, bei rund fünf Millionen Mitgliedern, von denen die meisten nie oder nur selten online sind. Längst gibt es erste Millionäre, wie die mittlerweile recht bekannte Grundstücksmaklern Anshe Chung aus Hessen. Sie makelt mit virtuellen Grundstücken - und hat es zur waschechten Millionärin gebracht.

Unendliche Möglichkeiten

Ein bisschen wird sich die Aufregung um Second Life jetzt sicher legen. Aber dem Projekt selbst attestieren alle Experten eine rosige Zukunft: Die Idee ist gut und die Möglichkeiten sind längst noch nicht ausgeschöpft. Im Gegenteil. Mittlerweile tummeln sich viele PR-Profis in der neuen Welt. Sie probieren Trends aus, lassen die virtuelle Kundschaft das Design neuer Sportschuhe begutachten oder virtuelle Sportwagen fahren. Geschmack und modische Trends lassen sich von der echten in die virtuelle Welt übertragen - und umgekehrt. Einfacher und günstiger waren Marktanalysen noch nie.

Auch die virtuelle Welt hat ihre Tücken

Manche finden Second Life es besorgniserregend. Einige Besucher können durchaus das Gefühl für Zeit verlieren oder auch zu viel Geld ausgeben. Außerdem kann ein virtueller Kontakt nie einen echten Kontakt ersetzen. Andere sehen in Second Life lediglich einen riesigen, nie enden wollenden Maskenball im Cyberspace. Und das ist Second Life auch tatsächlich. Nur eben nicht ausschließlich. Kinder und Jugendliche besuchen das 'Grid', wie Second Life auch genannt wird, eher selten. Aufpassen sollten Eltern aber dennoch. Denn es gibt in Second Life diverse Rotlichtbezirke. Und dort kann sich jeder hin verirren, egal wie alt.

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