Thema des Monats
Wie verlässlich ist Wikipedia? (01.12.2008)
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Wikipedia hat sich als Online-Lexikon einen Namen gemacht. Das Online-Lexikon ist längst eins der beliebtesten deutschsprachigen Angebote im Web. Wer gerade vor dem Computer sitzt und etwas nachschlagen will, besucht mit hoher Wahrscheinlichkeit die "freie Enzyklopädie". Das Lexikon überzeugt schließlich in der Regel durch fundierte Artikel sowie einen hohen Grad an Aktualität.
Anfällig für Manipulationen

Die meisten fühlen sich gut informiert. Ein jedoch mitunter trügerisches Gefühl, da Wikipedia nach wie vor anfällig für Manipulationen jeder Art ist. Niemand kann wissen, ob die gezeigten Informationen den Tatsachen entsprechen, selbst ob sie geprüft wurden (und von wem) lässt sich nur mit Aufwand herausfinden. Wikipedia funktioniert eben nach einem anderen Konzept als klassische Lexika auf Papier. Bei Wikipedia kann jeder mitmachen, jeder kann Artikel bearbeiten, jeder kann gezielt Informationen einstreuen - und so auch Artikel manipulieren.
Die große Stärke des Online-Lexikons ist gleichzeitig seine Achillesferse. Immer wieder. Mitte November hat der Bundestagsabgeordnete Lutz Heilmann (Die Linken) eine Einstweilige Verfügung gegen wikipedia.de erwirkt. In der Folge wurde das deutschsprachige Wikipedia gleich für mehrere Tage vom Netz geklemmt. Zwar ist www.wikipedia.de nicht die offizielle Adresse des deutschsprachigen Wikipedia, aber doch die inoffizielle: Die Mehrheit der deutschen Internetuser verwenden eben diese Adresse, um etwas nachzuschlagen - und nicht die eigentlich korrekte Adresse "de.wikipedia.org" (die von der Sperrung nicht betroffen war).
Ein Abgeordneter klagt - und erwirkt die Abschaltung
Hintergrund der überraschenden Sperrung: Der Abgeordnete Lutz Heilmann hat den Wikipedia-Artikel über sich selbst als "ehrverletzend" empfunden. Konkret wurde dort die Vergangenheit Heilmanns diskutiert, insbesondere die konkreten Aspekte über Heilmanns Stasi-Vergangenheit. Heilmann hat Klage eingereicht - und das Landgericht Lübeck eine einstweilige Verfügung erlassen. In der Folge musste wikipedia.de dann abgeschaltet werden.
Schon nach wenigen Tagen wurde die Sperrung wieder aufgehoben. Aber nicht, weil Wikipedia die Richter überzeugen konnte, dass ein Lexikon im Web-2.0-Zeitalter anders funktioniert als ein klassisches Nachschlagewerk, sondern weil Lutz Heilmann die Klage wieder zurückgezogen hat. Der Protest war einfach zu groß geworden: Journalisten, Blogger und sogar Parteikollegen haben gegen Lutz Heilmanns Klage und die damit verbundene Sperrung einer der wichtigsten deutschsprachigen Webangebote protestiert.
Das hat auch den Abgeordneten Heilmann nicht unbeeindruckt gelassen, der sich später sogar dafür entschuldigt hat, dass das Online-Lexikon zeitweise nicht zu erreichen war.
Qualitätsoffensive bei Wikipedia
Damit wurde allerdings nicht das Kernproblem von Wikipedia gelöst: Jeder kann Artikel verändern und manipulieren. Das macht das Wesen von Wikipedia aus. Wenn aber jeder ohne weiteres Artikel zu verändern vermag, kann von einer fundierten, sachgerechten Prüfung der online gestallten Beiträge keine Rede sein. Niemand kann sich darauf verlassen, dass ein gezeigter Wikipedia-Artikel sach- und fachgerecht überprüft wurde. Die Kriterien für die Prüfung legen die rund 10.000 Bearbeiter fest, die allein für das deutschsprachige Online-Lexikon arbeiten.
Das ist zwar demokratisch, führt aber eben im Einzelfall nicht immer zu überzeugenden Ergebnissen. Immerhin müssen wichtige Artikel mittlerweile gesichtet und freigegeben werden, um Hooligan-Aktionen zu verhindern. Eine begrüßenswerte Qualitätsoffensive. Allerdings ist nicht sichergestellt, dass die Person, die für die jeweilige Freigabe verantwortlich ist, dann auch über die nötige Sachkenntnis verfügt.
Wie frei ist die freie Enzyklopädie?
"Die freie Enzyklopädie" lautet das Motto von Wikipedia. Man muss sich fragen, wie frei Wikipedia noch ist - und wie frei es sein darf. Frei im Sinne von kostenlos ist zweifellos schon mal sehr gut. Frei im Sinne von "Jeder kann mitmachen" hat auch seinen Charme. Wikipedia ist schließlich ein gutes Nachschlagewerk. Es ist allerdings auch anfällig. "Frei" im juristischen Sinne ist Wikipedia ohnehin nicht, wie die einstweilige Verfügung beweist. (Hier würde man sich in Deutschland ohnehin fachkundigere Richter wünschen.)
Wie "frei" Wikipedia in Zukunft tatsächlich (noch) ist, wird sich also erst zeigen müssen.
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