Mobbing im Netz: Kinder früh darauf vorbereiten?

Ist (Cyber)Mobbing schon ein Thema für die Grundschule? Diese Frage beschäftigt viele Eltern und auch die Experten beim Internet-ABC e.V. Die Meinungen darüber gehen weit auseinander. Das Internet-ABC hat Hintergrundinfos zum Thema zusammengestellt.

Junge; Bild: denkbar, Wiesbaden
Junge; Bild: denkbar, Wiesbaden

Sind sie nicht noch zu jung dafür?

Was kann ich tun, um mein Kind vor (Cyber)Mobbing zu schützen? Diese Sorge beschäftigt viele Eltern. Spätestens, wenn es darum geht, ob die Tochter oder der Sohn ein eigenes Smartphone bekommt, wird die Frage akut. Doch sollen Kinder schon "vorher" auf das Thema (Cyber)Mobbing vorbereitet werden? Oder ist das zu früh? Macht ihnen es nur unnötig Angst? Ist (Cyber)Mobbing schon ein Thema für die Grundschule? Unter Eltern und Lehrkräften gibt es hierzu unterschiedliche Ansichten.

Dieses Themenspecial erscheint pünktlich zur Veröffentlichung eines neuen Internet-ABC-Lernmoduls zum Thema. Was es mit Mobbing und (Cyber)Mobbing auf sich hat und wie man sich schützen und wehren kann, wird hier kindgerecht und spielerisch erklärt. Das Lernmodul "(Cyber)Mobbing" kann sowohl im Unterricht als auch zu Hause eingesetzt werden.

Wichtig ist, die Begrifflichkeiten zu klären: Denn nicht jeder Streit und nicht jede Hänselei ist Mobbing bzw. (Cyber)Mobbing. Auch bei Studien sollte immer genau hingeschaut werden, ob und wie die Begriffe Mobbing und (Cyber)Mobbing definiert werden. Eine zu weite Auslegung der Definition lässt die Zahl der Betroffenen unter Umständen deutlich in die Höhe schießen. An der Wichtigkeit des Themas ändert das nichts: Jeder (Cyber)Mobbing-Fall ist einer zu viel.


Meine Meinung

Sollte man das Thema (Cyber)Mobbing schon bei Grundschülern thematisieren? Bei dieser Frage gehen die Meinungen weit auseinander. Was ist Ihre Meinung? Wir haben nachgefragt.

Pro

Bärbel Langkopf; Bild: privat / Bärbel Langkopf
Bärbel Langkopf; Bild: privat / Bärbel Langkopf

Bärbel Langkopf, 42 Jahre
Journalistin
Mutter von Mattes (8)

"Natürlich ist (Cyber)Mobbing im weitesten Sinne bereits in der Grundschule ein Thema. Mein Sohn besitzt noch kein Handy, bewegt sich aber mit dem Familien-iPad im Internet. Bei einigen Spielen gibt es durchaus Chatfunktionen, wo man als Eltern aufpassen und die Kinder schon früh sensibilisieren sollte.

In der Schule haben bereits einige Kinder ein eigenes Smartphone. Sobald die Kids sich darüber austauschen, steigt die Chance auf "unbeobachtete" Lästereien. Ich bin der Meinung, dass unsere Kinder, die als Digital Natives aufwachsen, möglichst früh den Umgang miteinander und mit Fremden im Netz lernen sollten.“

Ina von Rumohr; Bild: privat / Ina von Rumohr
Ina von Rumohr; Bild: privat / Ina von Rumohr

Ina von Rumohr, 48 Jahre
Designerin
Mutter von Mia (17), Leni (12) und Theo (6)

"Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Kinder frühestens ab zehn Jahren ein echtes Verständnis für virtuelles Mobbing entwickeln und das nur auf einer soliden Basis analoger Erfahrungen. Im Kindergarten- und Grundschulalter geht es darum, dass die Kinder die Welt mit allen Sinnen erschließen: motorisch, sozial, kognitiv.

In der Schule und zu Hause erfahren sie im Umgang miteinander idealerweise, wie und warum Menschen respektvoll miteinander umgehen sollten und eventuell auch, wie es sich anfühlt, geärgert oder gemobbt zu werden. Kinder brauchen dieses analoge Training als Grundlage, um das Netz zu erkunden."


SMS mit beleidigendem Text; Bild: Internet-ABC
SMS mit beleidigendem Text; Bild: Internet-ABC

So könnten es Kinder sagen…

… denn von Hänseleien und Mobbing sind auch schon junge Kinder betroffen.

  • Ein paar Typen haben heimlich Fotos von mir gemacht als ich in der Umkleide war. Sie haben sie online gestellt und allen gezeigt.

  • Ich war auf einer coolen Seite. Da konnte man sich einen Steckbrief machen. Ich habe Fotos von mir reingestellt. Jemand hat sich mein Foto runtergeladen und es verändert. Auf einmal war ein nackter Körper unter meinem Kopf. Das Bild machte schnell die Runde.

  • Eine Gruppe hat mich schikaniert. Die haben mich ausgegrenzt, beleidigt und vorgeführt. Voll lange. Sie meinten, wenn ich es meinen Eltern verrate, würden sie noch schlimmere Dinge tun.

  • Es fing mit Kleinigkeiten an. Jemand verbreitete Lügen über mich. Alle anderen haben die geglaubt. Das lief übers Handy und meine Eltern haben es nicht mitbekommen. Ein Jahr lang ging das und wurde immer schlimmer.

    Auszug aus dem Internet-ABC-Lernmodul „Cybermobbing“: www.internet-abc.de/lernmodul-cybermobbing


Zahlen und Fakten

Heutzutage sind Kinder und Jugendliche in Deutschland immer früher, immer länger und immer mobiler im Netz unterwegs. Aktuelle Zahlen:

  • Rund die Hälfte der 6- bis 7-Jährigen (48%) nutzen "zumindest gelegentlich" das Internet (täglich 39 Minuten). Bei den 8- bis 9-Jährigen sind es 81% (täglich 43 Minuten). 38% der 6- bis 7-Jährigen nutzen regelmäßig ein Smartphone beziehungsweise ein Handy. 67% der 10- bis 11-Jährigen haben ein eigenes Smartphone. Insgesamt haben 87% der Kinder ab 10 Jahren ein eigenes Smartphone und 33% ein Tablet. (Quelle: Bitkom 2017: Studie "Kinder & Jugend in der digitalen Welt") 

  • (Cyber)Mobbing über WhatsApp, Snapchat, Facebook & Co.: Obwohl Messenger-Dienste wie WhatsApp und Snapchat oder Social Media Plattformen wie Facebook ohne elterliche Genehmigung erst ab 13 Jahren genutzt werden dürfen, sind zum Beispiel WhatsApp-Gruppen auch schon bei Fünft- und Sechstklässlern, teilweise sogar bereits in Grundschulen weit verbreitet. Was dort gepostet wird, mögen die Kinder in der Regel mit ihren Eltern nicht teilen. Deshalb merken diese oft erst spät, wenn ihr Kind online immer wieder Gemeinheiten ausgesetzt wird. 

  • Mobbing ist heute fast immer auch (Cyber)Mobbing: Mobbing findet heute in den meisten Fällen nicht mehr nur im direkten persönlichen Kontakt statt, sondern fast immer parallel im Internet, in den sozialen Medien und über das Handy. Mobbing ohne das vorangestellte "Cyber" gibt es also praktisch nicht mehr. Deshalb ist die EU-Initiative klicksafe jetzt zu der Schreibweise (Cyber)Mobbing übergegangen.

  • Kein Mobbing ohne "Bystander": Beim Mobbing geht es nicht nur um die sog. Täter und Opfer, sondern auch um die "Zuschauer" (Bystander), die wissen, dass jemand gemobbt wird, aber nichts dagegen unternehmen. Sie haben die Macht, die Negativspirale aufzuhalten, anstatt das Mobbing zu tolerieren und damit Teil des Problems zu werden. 

  • (Cyber)Mobbing ist vor allem bei Jugendlichen weit verbreitet: Rund jeder Dritte (34%) der 12- bis 19-Jährigen hat schon einmal erlebt, dass in seinem Bekanntenkreis jemand im Internet oder per Handy fertig gemacht wurde. (Quelle: JIM-Studie 2016)

Checkliste

Darauf sollten Eltern in Sachen (Cyber)Mobbing achten 

  • Kinder beim Umgang mit dem Smartphone/Internet nicht sich selbst überlassen. 
  • Grundschulkinder beaufsichtigen, mit älteren Kindern Medienzeiten festlegen. 
  • Bei jüngeren Kindern ggf. eine Kinderschutz-App auf das Smartphone laden. 
  • Nachfragen, ob ein Unwohlsein des Kindes (Bauchschmerzen o.ä.) ggf. mit der Schule / den Mitschülern zu tun hat. 
  • Regelmäßig den Austausch mit dem Klassenlehrer und anderen Eltern suchen. Hier ggf. auf Auffälligkeiten beim eigenen Kind hinweisen. 
  • Bei rohem Sprachgebrauch zu Hause nachfragen: Wo hat das Kind den Begriff / die Aus- drucksweise her? 
  • Veränderungen beim Kind (Zurückziehen, keine Lust auf Hobbies etc.) genau beobachten, ggf. das Gespräch mit dem Kind suchen. 
  • Passwortsperren in den Einstellungen einrichten.

Vorbereit sein!

Michael Schnell, Redaktionsleiter Internet-ABC; Bild: Grimme-Institut
Michael Schnell; Bild: Grimme-Institut

Wie sollen Eltern mit dem Thema (Cyber)Mobbing bei der Medienerziehung ihrer Kinder umgehen? Fragen an den Internet-ABC-Experten Michael Schnell.

(Cyber)Mobbing sorgt immer wieder für Schlagzeilen. Ab wann sollten Kinder auf dieses Thema vorbereitet werden?

Michael Schnell: Es gibt auf diese Frage keine Standardantwort. Wann und wie Eltern ihren Kindern einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Internet beibringen, entscheiden sie. Grundsätzlich plädieren wir beim Internet-ABC aber dafür, Kinder möglichst früh auch auf die Gefahren im Netz vorzubereiten. Dazu zählt unseres Erachtens auch, sie schon im Grundschulalter für ein Thema wie (Cyber)Mobbing zu sensibilisieren.

Spätestens mit dem Wechsel auf die weiterführende Schule wächst auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie damit in Berührung kommen – in welcher Form auch immer. Dann sollten sie vorbereitet sein und handeln können, auch wenn sie selbst persönlich gar nicht betroffen sind, sondern nur mitbekommen, wie einem ihrer Klassenkameraden übel mitgespielt wird.

Welches Ziel verfolgen Sie mit dem neuen Internet-ABC-Lernmodul zum Thema (Cyber)Mobbing?

Unser Ziel ist es, Kindern das ernste Thema in einer Form und Sprache nahe zu bringen, die sie verstehen und die ihnen keine Angst macht. Sie können lernen, sich in die Lage der Betroffenen hineinzuversetzen und ihre Gefühle zu verstehen und was man tun kann, wenn man mitbekommt, dass jemand gemobbt wird.

Wird jedes Kind früher oder später mit dem Thema Mobbing konfrontiert?

Diese Frage ist schwer zu beantworten, weil der Begriff "Mobbing" unterschiedlich verstanden wird. Manchmal wird jedes Hänseln, jedes Herumschubsen auf dem Schulhof und jedes Schimpfwort als Mobbing bezeichnet.

Richtig ist allerdings, dass Mobbing viel mehr ist, nämlich eine tiefgreifende Herabwürdigung einer Person über einen längeren Zeitraum hinweg. Und richtig ist auch, dass viele Kinder tatsächlich Mobbing erfahren – sei es im realen Leben oder im Netz.

Die Betroffenen leiden darunter massiv: physisch und seelisch. Das Selbstwertgefühl wird empfindlich getroffen, manche von ihnen zerbrechen daran. Das darf nicht sein!

Was kann man tun gegen (Cyber)Mobbing?

Beim Mobbing ist es wie in anderen Bereichen auch: Um einen Weg aus der belastenden Situation zu finden, muss man sie erst einmal erkennen und wissen, wie und wo man sich Hilfe holen kann. Gerade für Eltern und Pädagogen ist es wichtig, Anzeichen von Mobbing erkennen zu können. Denn Kinder, die gemobbt werden, sind in der Regel völlig eingeschüchtert und hilflos – sie wenden sich eben nicht sofort an einen Erwachsenen und schildern offen ihr Dilemma.

Dasselbe gilt für Kinder, die in der Täterrolle unterwegs sind. Auch sie werden da kaum allein einen Weg herausfinden.

Das eigene Kind als Opfer – was tun?

Sollte das eigene Kind im Internet gemobbt werden, braucht es Hilfe der Eltern, gerade so, als sei das Mobbing auf dem Schulweg passiert. Eltern müssen zuhören, Verständnis zeigen, trösten - und sie müssenmöglichst schnell handeln, um dem Mobbing ein Ende zu setzen. Beim Internet-ABC gibt es Tipps welche Schritte Eltern in so einem Fall sofort einleiten sollten (siehe unten).

Und was tun, wenn das eigene Kind mobbt?

Eine solche Feststellung ist sicher für jede Mutter und jeden Vater zunächst einmal erschreckend. Aber auch hier gilt es, kühlen Kopf zu bewahren. Kommt es zum Mobbing in einer Schule, so sollten Eltern zusammen mit der Schule versuchen, den Konflikt zu regeln: Welche Konsequenzen hat das Handeln für das Kind? Wie kann ich ihm helfen, aus der Situation mit Anstand herauszukommen? Auch hier gibt es beim Internet-ABC ganz konkrete Vorschläge, wie Eltern in einem solchen Fall offensiv handeln sollten… Sie sollten zum Beispiel erst einmal gemeinsam überlegen, ob eine mündliche oder schriftliche Entschuldigung sinnvoll ist. (Weitere Tipps im Internet-ABC: www.internet-abc.de/cybermobbing). 

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[Veröffentlicht oder aktualisiert am: 17.11.2017]


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Mobbing gibt es auch im Internet - und ist nicht zu unterschätzen. Wie das geschieht, wer Opfer und Täter sind und was Sie gegen dieses "Cybermobbing" zusammen mit Ihren Kindern tun können, wird hier erläutert.
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