Kleinkinder und Medien

Kleiner Junge mit Tablet; Rechte: Internet-ABC
Kleiner Junge mit Tablet; Rechte: Internet-ABC

Das Internet ist mittlerweile in der Hosentasche angekommen. Jeder Besitzer eines Smartphones kann ständig und überall ins Netz. Schon ein kleiner Fingertipp auf ein App-Icon reicht aus, um mühelos zu surfen, zu buchen, zu mailen, zu spielen oder zu bestellen. Flatrates haben – mehr oder weniger preiswerte Pauschaltarife – endgültig das Ein- und Ausloggen ins Internet abgelöst.

Das World Wide Web umgibt uns von morgens bis abends. Mit Webseiten, Nachrichten, Apps, Whatsapp, Twitter, sozialen Netzwerken und vieles mehr - inzwischen auch mit Tablets. Und genau das ist die Welt, in der Kinder heute von Geburt an aufwachsen.

„Das Digitale ist im Leben auch schon kleiner Kinder präsent. Ob wir es wollen oder nicht. Unabhängig vom Willen der Eltern kommen Kinder meist spätestens über den Kindergarten mit dem Digitalen in Kontakt. Und oft finden die Eltern schon vorher - freiwillig oder unfreiwillig - ihr Smartphone bei den Kindern wieder und fragen sich, wie es das Kind geschafft hat, die App zu starten."
(Prof. Dr. Friederike Siller, Institut für Medienforschung und Medienpädagogik)

Tablet und Internet schon für Zweijährige?

Bedienung eines Tablets

Die Tablets sind klein, die Bedienung läuft über den unmittelbaren Kontakt von Finger und Bildschirm (Touchscreen) - diese beiden Faktoren kommen jungen Kindern sehr entgegen. Und so stellt der Mainzer Medienpädagoge Prof. Dr. Stefan Aufenanger fest: "Eigentlich sind Zweijährige schon fähig, ein Tablet zu bedienen. Sie verstehen es auch, Apps zu öffnen und die meisten von ihnen auch gut zu bedienen, wenn sie für ihr Alter geeignet sind."

Kein Tabletzwang!

Doch selbst wenn Zweijährige in der Lage sind, mit Apps umzugehen, so muss das nicht als bindender Richtwert angesehen werden. Es herrscht kein Tabletzwang, selbst wenn in den USA bereits Tablets für Babys gesichtet wurden.

Bedienung und Kompetenz sind nicht gleichzusetzen. Ein Kleinkind kann beispielsweise kaum verstehen, was Werbung in Apps bedeutet.

Zudem stehen vor den Digitalwelten eigentlich andere, wichtigere Lernaspekte bei jungen Kindern im Vordergrund. So müssen sie erst einmal sich selbst und ihren Körper kennen lernen. Sie sollen singen, basteln und klettern. Mit Holzklötzen einen Turm zu errichten oder mit Tierfiguren einen Zoo zu bauen und das Abtauchen ins freie Spiel sind enorm wichtige Erfahrungen.

Es liegt im Ermessen der Eltern, wann ihr Kind zum ersten Mal bewusst mit digitalen Medien in Berührung kommt. Allerdings: Gerade wenn ältere Geschwister im Haushalt leben oder die Eltern selbst gerne vor Computer und Tablet sitzen, ist es schwer, die Jüngsten von der Nutzung abzuhalten.

Kann die Nutzung von Smartphone oder Tablet meinem Kind schaden?

Es würde nicht verwundern, wenn sich Kinder durch übermäßige Beschäftigung mit Apps so sehr an die ständige Rückmeldungen der Software gewöhnen, dass sie sich im freien Spiel schneller langweilen.

Wissenschaftlich sind diese Befürchtungen jedoch nicht belegt und hängen, laut Medienpädagogin Siller, auch von der jeweiligen App und dem jeweiligen Kind ab.

Auch der Medienpädagoge Aufenanger zerstreut dieses Bedenken. "Alle unsere Beobachtungen zeigen, dass Kinder sich sehr gut alleine beschäftigen können, auch mit Tablets", stellt der Medienpädagoge fest. "Außerdem zeigt sich auch, dass Kinder gerne gemeinsam am Tablet Spiele machen und sich gegenseitig helfen. Es ist ein gutes Gerät für kooperatives Lernen."

Die Möglichkeiten einer Überforderung, wie wir es vom Fernsehen kennen, sieht Aufenanger ebenfalls nicht: "Kinder können meines Erachtens mit Überforderung sehr gut umgehen, indem sie einfach das Angebot abschalten oder sich davon abwenden."

Wie lange sollte ein Kleinkind an einem Tablet spielen dürfen?
Kind am Tablet; Rechte: Internet-ABC
Kleinkinder und Medien

Diese Frage ist kaum zu beantworten. Wichtig sind mehrere Faktoren: die Alternativen des Spielens und die persönliche Reife des Kleinen. Das Spielen am Bildschirm sollte dem Spielen draußen und mit Freunden sowie Unternehmungen mit den Eltern nicht im Wege stehen.

Die unterschiedlichen Entwicklungsstufen junger Kinder ähnlichen Alters erschweren pauschale Zeitempfehlungen. Jedes Kind ist nun mal anders, jede App ist anders und wirkt anders.

Wichtig ist: Mütter und Väter sollten dabei sein und Kleinkinder nicht mit den Geräten alleine lassen. „Am Besten ist es natürlich, wenn Eltern anfangs zusammen mit ihrem Kind die Möglichkeiten des Tablets und seiner Anwendungen erkunden“, empfiehlt Aufenanger.  „Das ist gleichzeitig auch ein wenig Medienkompetenzförderung.“

Beim Spielen geht oftmals jedes Zeitgefühl verloren - und die Kinder können meist noch nicht die Uhr lesen. Eltern sollten die Medienzeit der Kleinen im Blick behalten, auch wenn es schwerfällt: Durch die Mobilität der Geräte können Kindern sich leicht dem mütterlichen oder väterlichen Blickfeld entziehen.

Wie sieht das Angebot für die Jüngsten aus?

Entscheidend ist, dass sich die Jüngsten mit Angeboten im Web und mit Apps beschäftigen, die dann auch tatsächlich für ihr Alter geeignet sind. "Ein möglichst aktiver Umgang mit Medien von Kindesbeinen an ist für den Erwerb von Medienkompetenz wichtig", betont die Medienpädagogin Siller. "Gerade Apps bieten Möglichkeiten auch schon für kleine Kinder, spielerisch zu erfahren, dass man mit Medien was machen, bauen, tüfteln und gestalten kann.“

Die gängigen Genres sehen so aus:

Interaktives Bilderbuch

Viele Bilderbücher finden eine multimediale Fortsetzung auf den Tablets. Dabei wird die Geschichte stimmungsvoll vorgelesen und Berührungen des Touchscreens lösen Animationen aus. Kleine Kinder können hier selbst das Tempo ihres Vorgehens bestimmen und unendliche Wiederholungen zulassen. Auf das abendliche Vorlesen von Seiten der Eltern sollte aber deshalb nicht verzichtet werden.

Tipps, teiwleise mit Verlinkung zu den Spieletipps des Internet-ABC:

Mitmachen

In dieser Kategorie werden die Kinder aufgefordert, dem Protagonisten zu helfen. Mal geht es darum, schöne Kleidungen zusammenzustellen oder wie in „Schlaf gut“ vor dem zu Bett gehen bei den Tieren im Stall die Lichter zu löschen.
Tipps:

  • Bo geht essen
  • Schlaf gut
  • Toca Doktor

Lernspiele

Gerade für das Vorschulalter gibt es ausgezeichnete Merk- und Konzentrationsspiele, die junge Kinder besonders herausfordern und faszinieren. Aber auch erste Begegnungen mit Zahlen und Buchstaben finden statt, in dem sie zum Beispiel mit den Fingern auf dem Touchscreen nachgemalt werden.

Tipps:

Kreativität

Das Malen mit echten Stiften hat noch lange nicht ausgedient, aber Zeichnen und Kolorieren macht auch auf dem Tablet großen Spaß. Und das ohne Kleckserei. Dazu kommen Angebote mit Formen oder auch musikalischen Klängen.

Tipps:

  • Buble Draw
  • Mal mit uns

Geschicklichkeit und Aufmerksamkeit

Manche Apps nutzen die Schwenkfunktion, um kleine Kugeln in Löchern und Mulden verschwinden zu lassen. Zudem gibt es Puzzles und Wimmelbildspiele, die eine große Aufmerksamkeit erfordern.

Tipps:

Frühe Medienbildung im Kindergarten

Neue Medien im Kindergarten bekommen durch die pädagogische Begleitung eine andere Färbung als zu Hause. Ein gut durchdachter Einsatz von Medien könne dazu führen, erklärt die Medienpädagogin Siller, dass Kinder Medien später aktiver nutzen - und nicht nur konsumieren.

Kinder lernen den selbstbestimmten Umgang mit Medien - und spüren die eigene Selbstwirkung: "meine Stimme", "meine Geschichte", "mein Film".

Auch Stefan Aufenanger empfiehlt die frühe Medienbildung im Kindergarten, besonders mit Tablets. Die Einsatzmöglichkeiten seien - neben den Möglichkeiten, darauf Spiele zu machen - breit gefächert:

  • gemeinsames Lesen von digitalen Bildergeschichten,
  • Malen,
  • Fotografieren,
  • Videos aufnehmen,
  • mit dem Mikrofon eine Geschichte vertonen,
  • Erkunden von vielfältigen Anwendungen zum Lernen oder kleine Aufgaben lösen.

Als Beispiel führt Aufenanger die Anwendung "Book-Creator" an: Mit ihr lasse sich "gemeinsam in einer Gruppe eine Bildgeschichte mit gesprochenen Texten, Fotos, eigenem Gemalten und Videos gestalten."

Spiele-Empfehlung des Internet-ABC: Book Creator

Tablets, Smartphones und das Internet sind keine guten Babysitter!

Noch ein besonders wichtiger Aspekt in der Medienerziehung junger Kinder muss Erwähnung finden: Smartphones, Tablets und World Wide Web sind keine guten Babysitter. "Shut-up-toy" nennen es die Amerikaner zum Beispiel, sobald Kinder beim gemeinsamen Restaurantbesuch mit einem solchen Gerät ruhig gestellt werden.

Auch bei Autofahrten sollten Kinder nicht ständig ein Smartphone oder Tablet in die Hand gedrückt bekommen. Denn so lernen sie sehr früh, dass sie sich nicht langeweilen dürfen. Langeweile zu erleben ist ein unverzichtbares und notwendiges Element im Alltag von Kindern und Erwachsenen. Langweile macht kreativ und kann sehr erhellend sein - ja, sich selbst auszuhalten will gelernt sein.

Reicht ein technischer Schutz?
Kleinkinder und Medien

Generell gilt: Möchten Eltern ihre Kinder auch durch technische Maßnahmen (Filter, Einstellungen am Tablet oder PC) schützen, so macht dies sicherlich bei den Jüngsten am ehesten Sinn.

Aber: Die Erziehung unserer Kinder ist viel zu wichtig, um sie alleine einer Software zu überlassen. Lieber aktiv begleiten: Die ersten Schritte des Kindes sollten immer gemeinsam gegangen werden. Dadurch erhalten Eltern schon früh ein Gefühl dafür, was das Kind am Tablet oder einzelnen Spielen begeistert - und bleiben dadurch auch künftig erster Ansprechpartner bei Problemen.

Und Probleme kann es immer wieder geben: Bevor Eltern ihre Kinder an mobile Geräte lassen, sollten etwa jegliche Kaufmöglichkeiten unterbunden werden. In Großbritannien hat beispielsweise ein fünfjähriger Knabe in wenigen Minuten 2000 Euro versehentlich ausgegeben. Beim Mobilfunkanbieter sollte auch die sogenannte Drittanbietersperre kostenlos eingerichtet werden, damit es nicht zu Überraschungen auf der Mobilfunkrechnung kommt.

Neben eigenen Einstellungen an den Geräten gibt es auch weitergehende Schutzmaßnahmen: Die Bundesregierung hat den Kinderbrowser (www.kinderserver-info.de) für Computer und Tablets entwickelt, um Kinder einen sicheren Aufenthalt im Netz zu ermöglichen. Das wird nicht nur durch positiv bewertete Seiten (Whitelist) gewährleistet. Eltern können auch zusätzliche Angebote freischalten, die sie für ihre Kinder als relevant einstufen. Auch Mobilfunkanbieter haben verschiedene Jugendschutzfunktionen im Angebot, die vom Anbieter und den Geräten abhängen und auch unterschiedlicher Qualität sind.

Nicht vergessen: Wir sind Vorbilder!

Dass Kinder in einer medienfreien Umgebung aufwachsen können, ist eine Illusion. Schon auf der Entbindungsstation machen die stolzen Eltern den ersten Schnappschuss. Viele Mütter und Väter posten ebenso stolz und bedenkenlos die Fotos ihrer Kinder. Mehr noch: Manche Eltern schieben den Kinderwagen durch Straßen und Parks und telefonieren dabei. So lernen Mädchen und Jungen sehr früh, dass sie die Aufmerksamkeit ihrer Erziehungsberechtigten teilen müssen.

Um den Nachwuchs gut und glücklich in der Medienwelt aufwachsen zu lassen, brauchen wir einen selbstkritischen Blick auf das eigene Verhalten. So muss es Zeiten und Orte geben, in denen Smartphones und Tablets außen vor bleiben. Und wir brauchen Regeln, um zur Ruhe zu kommen und auch Kinder brauchen Ruhe, um zu wachsen. So sollten auch wichtige Familienrituale wie gemeinsame Mahlzeiten störungsfrei verlaufen.

Wenn aber Väter oder Mütter beim Abendessen das Smartphone auf den Tisch legen, zeigen sie ihren Kindern damit, wie wichtig sie diese Geräte finden und dass ständige Erreichbarkeit normal sei. Das gilt auch für Autofahrten, wenn etwa ein Erwachsener auf der Autobahn telefoniert, sich so nicht mehr hundertprozentig auf den Verkehr konzentrieren kann und auf diese Weise das Leben im Multitasking demonstriert.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Das Rad lässt sich nicht zurückdrehen und Kinder sollen nicht von Smartphones und Tablets ferngehalten werden. Aber wir brauchen für die neuen Technologien neue Rezepte und neue Erziehungsmethoden, damit ein guter und bewusster Umgang damit funktionieren kann.

Eine kleine Checkliste: Darauf sollten Eltern achten!
  • Altersgerechnete Apps einsetzen.
  • Bei jungen Kindern dabei bleiben.
  • inApp-Käufe deaktivieren.
  • Passwortsperre, um versehentliche Ausgaben zu vermeiden.
  • Apps nicht als Babysitter einsetzen.
  • Zeitliche Begrenzungen aufstellen und sich um deren Einhaltung kümmern.
  • Medienfreie Zeiten beachten.
  • Freies Spiel fördern.
  • Vorbildfunktion beachten.
  • Installieren Sie bei jungen Kindern den Kinderbrowser (www.kinderserver-info.de) für Computer und Tablets.
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2 Kommentare

[Veröffentlicht oder aktualisiert am: 08.12.2017]


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abir 23.09.2017 18:12
Ich such die kindersuchmaschine blinde kuh aber finde die nicht
Marion 07.03.2017 23:00
Meine kleinen Geschwister (jetzt 4 und 2) haben auch schon Erfahrung mit Tablet und Smartphone. Die Kleine weiß bspw. schon sehr gut, was sie machen muss, wenn Mamis Handywecker läutet und sie das Geklingel satt hat. Auf dem Familientablet - gut gesichert durch verschiedene Sperren und einer schützenden Hülle - haben die beiden ein paar Apps, mit denen sie spielen dürfen. Da sind aber immer die Eltern oder ich in der Nähe und die Kinder spielen kaum länger als 5 Minuten am Stück. Ich muss sagen, dass ich es erschreckend finde, wie wichtig Tablet und Smartphones geworden sind und dass selbst Kleinkinder jetzt schon daran gewöhnt sind. Als ich in dem Alter war, war es was Besonderes, dass meine Mutter ein Handy mit Farbdisplay hatte... und ich bin immerhin auch "erst" 16.
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