Ein Beitrag der Stiftung Digitale Chancen. Das Internet-ABC dankt Jutta Croll, Vorstandsvorsitzende, Projektleitung Kinderschutz und Kinderrechte in der digitalen Welt und Torsten Krause, Projektreferent Kinderschutz und Kinderrechte in der digitalen Welt.

Was ist eigentlich Kidfluencing?

Der Begriff des Influencing hat sich mit den ersten reichweitenstarken Kanälen in sozialen Medien – zunächst vor allem auf YouTube – für die dort ausgeübte Aktivität von Menschen, die sich selbst und ihren Lebensalltag öffentlich inszenieren, etabliert. 

Inzwischen sind mit Family-, Mom- oder Dadfluencing, Granfluencing und Kidfluencing weitere Spielarten des Begriffs hinzugekommen, die anzeigen, welche Personen das Influencing ausüben. 

Welche Intention hinter der Verbreitung von Inhalten der persönlichen Lebensführung oder Haltung steht, wird durch Begriffe wie Finfluencing, wenn es um Finanzen geht, oder Sinnfluencing, wenn beispielsweise religiöse Überzeugungen Gegenstand sind, transportiert.

Kinder begannen in diesem Kontext zuerst mit sogenannten Unboxing-Videos eine Rolle zu spielen. Das Auspacken von Spielzeug vor laufender Kamera fand nicht nur ein interessiertes Publikum, sondern weckte schnell auch das Interesse von Unternehmen. Diese sahen hier eine kostengünstige und authentische Alternative zu klassischer Werbung und stellten bereitwillig Produkte zur Verfügung.

Inzwischen ist die Lebenswelt von Kindern vielfach Gegenstand des Influencing. Sie sind entweder selbst Protagonistinnen oder Protagonisten, wie beispielsweise bei einem US-amerikanischen YouTube-Kanal, dem mittlerweile knapp 39 Millionen Abonnentinnen und Abonnenten folgen, und einem YouTube-Kanal, der im deutschsprachigen Raum mit mehr als 1.900 Videos zu Freizeitbeschäftigung, Einkaufen oder Schminken 916.000 Abonnentinnen und Abonnenten erreicht. 

Kinder sind jedoch auch im Familyfluencing präsent, zum Beispiel in einem Instagram-Account, der den Alltag einer Mutter von Drillingen porträtiert und diese etwa beim Fernsehen, Kuscheln oder Baden zeigt.

Was bedeutet diese Entwicklung für Eltern und andere Erziehungsverantwortliche?

Kinder wachsen heute schon früh mit digitalen Medien auf und nutzen in immer jüngerem Alter Medienangebote auch selbstständig. Intuitive Bedienoberflächen und Sprachsteuerungsmechanismen ermöglichen selbst nicht-lesefähigen Kindern den Umgang mit digitalen Anwendungen. 

Dabei begegnen sie anderen Kindern in Influencingkanälen, bewundern sie als deren Fans und sehen sie häufig als Vorbilder. Das kann im Fall von Sinnfluencing – zum Beispiel, wenn gesunde Ernährung, Kreativität oder sportliche Freizeitaktivitäten vorgestellt werden – durchaus von Vorteil sein, während die Vermarktung von Produkten oder das Propagieren von Äußerlichkeiten, Fragen aufwirft.

Laut der KIM-Studie 2022 informiert sich knapp ein Fünftel der Kinder im Alter von 12 Jahren (18 %) auf YouTube über konkrete Produkte und mehr als ein Drittel zu Mode- und Schönheitsthemen (39 %). Etwas mehr als ein Viertel der Kinder (26 %) interessierte sich dabei auch über die behandelten Themen hinaus für die Influencerinnen und Influencer als Person. 

Diese Form der Beeinflussung der Lebensweltbilder und Haltungen von Kindern bedarf der Begleitung durch Erziehungsverantwortliche. Dabei geht es sowohl um die Einordnung der durch potenziell Gleichaltrige vermittelten Inhalte als auch um Aufklärung darüber, dass meist kommerzielle Interessen verfolgt werden, wenn bestimmte Produkte von Kindern selbst oder ihren Familien angepriesen werden.

Erziehungstipps für den Umgang mit Influencing

Aus kinderrechtlicher Perspektive stehen Erziehende auch bei der Mediennutzung durch Kinder in der Verantwortung, deren Rechte zu wahren, ihnen den Zugang zu Informationen und die freie Meinungsäußerung zu ermöglichen, sie aber zugleich vor kommerzieller Ausbeutung und nicht altersgemäßen Inhalten sowie ihre Privatsphäre zu schützen. Dabei stets im besten Interesse des Kindes zu handeln, bedarf des Wissens um die kommerziellen Praktiken des Influencing, aber auch des Verständnisses für die Bedeutung und positive Rolle, die digitale Medien im Leben von Kindern heute spielen.

Begleitete Nutzung für Jüngere

Kinder unter 6 Jahren sollten Influencing-Inhalte nur gemeinsam mit Erwachsenen ansehen. Kindern den Zugang zu Influencing-Inhalten zu verweigern, schränkt sie in ihren Rechten ein. 

Gespräch statt Verbot

Fragen Sie, warum Ihr Kind bestimmte Inhalte spannend findet. Vielfach üben Influencerinnen und Influencer eine wichtige Orientierungsfunktion aus und können Heranwachsende bei der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben unterstützen. 

Freiräume für Ältere

Ältere Kinder brauchen mehr Freiräume und dürfen selbst entscheiden, welchen Kanälen sie folgen – aber mit kritischem Blick auf Werbung und Kommerz. Erziehungsverantwortliche sollten dafür Interesse und Verständnis zeigen.

Vorbild sein

Auch Erwachsene sollten ihr eigenes Medienverhalten reflektieren und mit Kindern über Inhalte und Hintergründe sprechen. Dies gilt auch für diejenigen, die ihre Lebensgestaltung im Erwachsenenalter selbst an Influencing-Kanälen ausrichten. Diesen Bezug können sie beispielsweise zum Anlass nehmen, um mit Kindern über die Qualität der Inhalte und die wirtschaftlichen Hintergründe zu sprechen.

Achtung, Sharenting!

Anders sieht es aus, wenn Eltern ihre Kinder in sozialen Medien inszenieren, etwa indem sie Bilder und Videos ohne Einverständnis des Kindes digital veröffentlichen und teilen – und so genanntes Sharenting ausüben. Das verstößt gegen die Persönlichkeitsrechte der Kinder, verletzt ihre Privatsphäre und schwächt die Entwicklung ihrer Medienkompetenz. 

Wenn ältere Kinder hingegen begleitet und unterstützt eigene Influencing-Kanäle gestalten oder freiwillig und informiert am Familyfluencing mitwirken, können sie dabei Medienkompetenz erwerben und auch Selbstverwirklichung erfahren.

Kidfluencing und Familyfluencing sind Teil der Lebenswelt unserer Kinder. Eltern sollten diese Themen nicht ausblenden, sondern aktiv begleiten – mit Interesse, Verständnis und klaren Regeln.