Hate Speech: Kinder schon früh darauf vorbereiten?

Hass im Internet: Schon ein Thema für Grundschüler? Diese Frage beschäftigt viele Eltern und auch die Experten beim Internet-ABC e.V.: Die Meinungen darüber gehen weit auseinander. Das Internet-ABC hat Hintergrundinfos zum Thema zusammengestellt.

Zwei Jungen am Tablet; Bild: FOX/Völkner
Zwei Jungen am Tablet; Bild: FOX/Völkner

Sind sie nicht noch zu jung dafür?

Sprachliche Verrohung auf den Schulhöfen, schon in der Grundschule: Lehrer schlagen hier zunehmend Alarm. "Sie hören heute schon von Acht- oder Neunjährigen Begriffe wie 'Hure', 'Spasti', 'Asylant'“, so Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrerverbandes BLLV. Als eine von mehreren möglichen Ursachen wird die extrem raue Sprache gesehen, die vielerorts im Internet kursiert – auch „Hate Speech“ genannt.

Doch kann das zutreffen, wenn gerade viele jüngere Kinder Soziale Medien noch gar nicht intensiv nutzen? Fakt ist: Spätestens mit dem Eintritt in die weiterführende Schule ist das Thema eigenes Smartphone hochaktuell – und damit auch die Sorge, dass die jungen Internetnutzer der teils extremen Sprache im Internet begegnen und diese unreflektiert aufnehmen.

Quelle Zitat: Spiegel Online, Artikel vom 08.09.2016, abgerufen am 19.04.2017


Meine Meinung

Sollte man das Thema Hass im Internet schon bei Grundschülern thematisieren? Bei dieser Frage gehen die Meinungen weit auseinander. Was ist Ihre Meinung? Wir haben nachgefragt.

Anne Schneider; Bild: privat
Anne Schneider; Bild: privat

PRO

Anne Schneider, 52 Jahre
Hörfunkredakteurin
Mutter von Annika (9) und Fabian (16)

Die Kids sind ja leider schon immer früher online. Ich finde, dass sie auch über die diversen negativen Ausprägungen rund ums Internet schon im Grundschulalter informiert werden sollten. Denn in dem Moment, in dem sie ein iPad oder iPhone vor der Nase haben, machen sie sich sowieso alleine auf in die Weiten des Netzes. Und da sollten sie zumindest vorbereitet sein...

Kirsten Tillmann; Bild: privat
Kirsten Tillmann; Bild: privat

CONTRA

Kirsten Tillmann, 45 Jahre
Autorin
Mutter von Mila (9) und Yona (4)

Ich finde es zu früh, dies bereits in der Grund-schule in dieser Form zu thematisieren. Die Nutzung der digitalen Medien sollte jedoch auch über die vierte Klasse hinaus von den Eltern begleitet werden. Wenn meine Tochter damit in Berührung käme, würden wir das offen in der Familie besprechen und dann evtl. am konkreten Beispiel erklären, warum es leichter ist, sich im anonymen Internet "daneben" zu benehmen. Anstatt auf Hate Speech isoliert vorzubereiten, sollten man den Kindern so früh wie möglich beibringen, dass unterschiedliche Meinungen nebeneinander existieren können und die Benutzung von Kraftausdrücken und einer vulgären Sprache keinesfalls ein Ausdruck von Stärke ist.


Zahlen und Fakten

Sprachliche Verrohung auf dem Schulhof: Die zunehmende sprachliche Verrohung bei Kindern nimmt unabhängig von Schulform und Bundesland zu. Die Gründe hierfür sind viel-schichtig und werden vielerorts diskutiert. Die (zunehmend) raue Sprache in den Medien kann ein Grund sein. (Quelle: WDR)

Umgang mit Hate Speech: Je unbegrenzteren Zugang Kinder und Jugendliche zum Internet haben, desto leichter „stolpern“ sie über unangemessene Inhalte wie Hasskommentare. Aller-dings würde nur gut ein Drittel der 14- bis 24-Jährigen (30%) einen Hasskommentar melden. (Quelle: LfM NRW / FORSA: Ethik im Netz)

Hate Speech vs. Cyber-Mobbing: Mit dem Begriff "Hate Speech" (englisch für "Hassrede") sind Äußerungen gemeint, die vor allem Personengruppen bewusst herabsetzen, angreifen, beleidigen und verunglimpfen oder ihnen gegenüber zu Gewalttaten aufrufen; im Unterschied zu Cyber-Mobbing, bei denen sich Beleidigungen oftmals an nur eine Person richten.

Ein eigenes Smartphone: Bereits rund 18% der 8- bis 9-Jährigen besitzen ein eigenes Smartphone, bei den 10- bis 11-Jährigen sind es rund 43% und bei den 12- bis 13-Jährigen rund 61%. Eine Begegnung mit unangemessenen Inhalten, sei es über das eigene Handy oder das von Freunden, ist hier sehr schwer zu verhindern. (Quelle: KIM-Studie 2016)

Motive für Hate Speech: Andreas Zick, Konfliktforscher an der Uni Bielefeld, sieht u.a. folgende Motive für Hate Speech im Internet: Wunsch nach Zugehörigkeit; Erlangen/Steigern von Einfluss, Macht und Kontrolle; Schaffen von einfachen Erklärungen, um die Welt (besser) zu verstehen; Selbstwertsteigerung. (Quelle: Schau hin: Kinder, Jugendliche und der Hass im Netz, abgerufen am 19.04.2017)


Besser schützen oder schon früh sensibilisieren?

Michael Schnell, Redaktionsleiter Internet-ABC; Bild: Grimme-Institut
Michael Schnell; Bild: Grimme-Institut

Wie sollen Eltern mit dem Thema Hass im Netz bei der Medienerziehung ihrer Kinder umgehen? Fragen an den Experten Michael Schnell.

Wo kommt Hate Speech vor?

Michael Schnell: Hate Speech kann überall dort auftreten, wo Personen im Internet ihre Meinung schreiben oder eigene Inhalte hochladen können: z.B. in Sozialen Netzwerken wie Facebook, bei YouTube (Kommentare unter Videos oder eigene Videos) oder unter Beiträgen von Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und Fernsehsendern.

Welche Rolle spielen dabei so genannte Fake News?

Oft sehen solche Meldungen auf den ersten Blick seriös aus. Aber: Mit Fake News (Falschmeldungen) wird versucht, einzelne Personen oder ganze Gruppen mit Absicht in ein falsches Licht zu setzen, ihnen Meinungen oder Taten zu unterstellen, die sie so nie geäußert oder vorgenommen haben. Weisen Medien auf diesen Missstand hin, werden sie als Teil der "Lügenpresse" bezeichnet, die Fakten absichtlich verschweige.

Was kann Hate Speech bewirken?

Hate Speech kann einzelne Gruppen herabsetzen, aber auch einzelne Personen fertigmachen. Manche Personen halten den Druck, der durch Beleidigungen und Falschmeldungen erzeugt wird, nicht aus und ziehen sich aus der Öffentlichkeit zurück. Auch die Wirkungen dieser Hasskommentare und Fake News auf die "Konsumenten" dürfen nicht unterschätzt werden: Gerade Kinder und Jugendliche befinden sich noch in einem Prozess der Meinungsbildung: Sie müssen sich ihre Meinungen zu einzelnen Themen noch grundlegend aneignen. Daher sind sie durch Hate Speech und Fake News u.U. verunsichert, teilweise auch verängstigt.

Wie sollten Kinder damit umgehen, wenn sie solche Sachen lesen?

Kinder kennen aus dem Alltag und aus ersten Erfahrungen im Internet Schimpfwörter, Beleidigungen, "Lügengeschichten" und eventuell auch Cybermobbing. Sie sind sich aber nicht immer der Folgen solcher Taten bewusst. Diese Folgen sollten Eltern und Lehrkräfte mit ihnen besprechen. Manche Beleidigungen oder Herabsetzungen sind allerdings nicht leicht zu erkennen, gerade wenn es sich um seriös wirkende Fake News handelt. Wichtig ist hierbei, dass Kinder sich stets vorsichtig im Netz bewegen sollten: Texte, Filme oder Bilder dürfen nicht vorschnell weitergeschickt oder kommentiert werden, auch wenn man dazu aufgefordert wird. Und wenn das Kind Inhalte nicht sofort versteht oder einordnen kann, sollte das offene Ohr der Eltern in der Nähe sein.

Was können Eltern gegen Hate Speech unternehmen?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, gegen Hate Speech vorzugehen: Löschen, Blockieren Melden. Aber an dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, was Eltern für ihren Nachwuchs tun können: Sie sollten ihre Kinder für das Thema Hate Speech sensibilisieren. Wie im Alltag gilt es auch für das Internet, einen respektvollen und wertschätzenden Umgang einzuhalten und zu trainieren. Streit ist auch im Internet okay, aber er sollte nach Möglichkeit fair und konstruktiv ablaufen, ohne Beleidigungen und Verletzungen.


Das sagt der Internet-ABC-Pate

Guido Hammesfahr; Bild: FOX/Völkner
Guido Hammesfahr; Bild: FOX/Völkner

GUIDO HAMMESFAHR: "Im Internet gelten die gleichen Regeln wie in der Schule, im Sportverein oder bei Fritz Fuchs und Keks im 'Löwenzahn'-Bauwagen: Man sollte mit jedem nett und respektvoll umgehen, egal ob man befreundet ist oder nicht. Keiner hat es verdient, beleidigt zu werden. Wenn ich mitbekomme, dass das passiert, dann mische ich mich auf jeden Fall ein."

Guido Hammesfahr, bei Klein und Groß bekannt als Fritz Fuchs aus der ZDF-Kultserie "Löwenzahn", hat die Patenschaft für das Internet-ABC übernommen.


Checkliste: Darauf sollten Eltern achten

  • Vor allem Grundschulkinder beaufsichtigen, mit älteren Kindern Medienzeiten festlegen!
  • Bei jüngeren Kindern ggf. eine Kinderschutz-App auf das Smartphone laden, um unangemessene Inhalte zu vermeiden!
  • Bei rohem Sprachgebrauch nachfragen: Wo hat das Kind den Begriff / die Ausdrucksweise her?
  • Keine Scheu haben, hetzerische Begriffe / Äußerungen und deren Zusammenhänge zu erklären!
  • Ggf. auch das Gespräch mit der Schule / dem Klassenlehrer suchen und auf Auffälligkeiten beim eigenen Kind hinweisen.
  • Kinder nur mit altersgerechten Apps spielen lassen und diese ggf. gemeinsam auswählen!
  • Passwortsperren in den Einstellungen einrichten, ggf. InApp-Käufe deaktivieren!

Mehr Infos zum Thema

Für Eltern und Pädagogen
Mehr Informationen zum Thema “Hate Speech” finden Eltern und Pädagogen beim Internet-ABC:

Für Kinder

Auch im Kinderbereich des Internet-ABC werden Themen wie Hate Speech, Fake News und Datenmanipulationen besprochen. Folgende Meldungen aus dem Bereich "Neues übers Netz" eignen sich gut als Gesprächsgrundlage zwischen Eltern und Kind:


Wie man Fake News erkennt

Hass geschürt wird im Internet auch über gezielt eingesetzte Falschmeldungen: Acht Tipps wie man ihnen auf die Schliche kommt und ein Spieltipp

Die so genannten Fake News, sowie deren Bewertung und Einordnung stellen (junge) Internetnutzerinnen und Nutzer vor neue Herausforderungen. Um bewerten zu können, wie glaubwürdig Quellen sind und wie falsche Meldungen oder Lügen im Netz enttarnt werden können, hat der internationale Verband der bibliothekarischen Vereine und Institutionen (IFLA) eine Infografik entwickelt. Dieses Material bietet acht kurze Tipps, die sich Nutzer beim Bewerten eines Beitrags stellen können (Quelle: Medienscouts NRW).

Infografik "Fake News erkennen" des IFLA; Bild: International Federation of Library Associations and Institutions (IFLA 2017)
Infografik "Fake News erkennen" des IFLA; Bild: International Federation of Library Associations and Institutions (IFLA 2017)

"Fake News Bingo" spielen

Wer das Thema "Falschmeldungen erkennen" unterhaltsam angehen möchte, kann zusammen mit Kindern "Fake News Bingo" spielen (Quelle: SaferInternet.at). Eine vorgegebene Bingokarte listet die typischen Merkmale von Fake News in den Sozialen Medien auf. Als da sind: Bilder, die mit Pfeilen und roten Kreisen versehen sind, eine aufgeregte Sprache ("OMG! Das kann ich nicht glauben!"). Panikmache ("Bald kommt das auch zu uns"). Oder die häufige Verwendung des Begriffs "Hirn" in allen möglichen Variationen ("hirnlos", "hirnrissig"). Und vieles mehr.

Aus dem Spaß, diese Merkmale in Posts zu erkennen, kristallisiert sich die Erkenntnis über die Funktionsweise und Absicht von Fake News heraus.

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1 Kommentar

[Veröffentlicht oder aktualisiert am: 26.07.2017]


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Nicola Rössert, Vernetzte Kirche 20.04.2017 09:43
Vielen Dank für den Beitrag! (Zum Umgang mit Hass im Netz habe ich für Erwachsene diesen Blogbeitrag verfasst: http://www.netzmarginalien.de/wie-reagiert-man-auf-hass-im-netz)

Flyer zum Download

Hier können Sie unser Themen-Special zum Thema Hate Speech herunterladen und/oder ausdrucken.

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