Welcher Art von Gewalt begegnen Kinder und Jugendliche im Internet?

Es gibt relativ viele Orte im Internet mit gewalthaltigen Inhalten. So finden sich zum Beispiel

  • brutale Videos bei YouTube; teilweise gab es sogar nicht-kindgerechte Szenen bei "YouTube Kids", eingebettet in beliebte Kinderfilme,
  • grausame Videos, die ein Freund oder bekannter über einen Messenger wie WhatsApp verschickt: beispielsweise Handyvideos, für die Prügeleien extra angebahnt werden, um sie zu filmen und zu veröffentlichen ("Happy slapping" wird dies genannt),
  • Horror- und heftige Actionfilme bei Netflix, Amazon Prime und Co.,
  • gewaltsame Computerspiele,
  • drastische Bilder oder Filme auf Nachrichtenseiten. Auch Meldungen von seriösen Seiten sind nicht immer für Kinderaugen geeignet!

Teilweise gehören gewalttätige Handlungen schon zum kindlichen Alltag. In der Schule werden sie zum Beispiel Zeuge von Mobbing oder Handgreiflichkeiten auf dem Schulhof. Oder zu Hause: Wenn der Sohn am Sonntagabend im Bett liegt, hört er vielleicht trotzdem die Geräusche von Mord und Totschlag beim "Tatort".

Klar ist: Die Heranwachsenden können oftmals schon recht früh zwischen realer und inszenierter Gewalt unterscheiden. Nichts macht Kindern und Jugendlichen aber so viel Angst wie die reale. Und je realistischer eine grausame Szene in einem Film oder einem Spiel von einem jungen Menschen wahrgenommen wird, desto größer kann die Verunsicherung sein.


Was fasziniert manche Kinder an gewalthaltigen Spielen (wie Fortnite, GTA)?

Hinter der Faszination steckt oft eine Art Angstlust: Wieviel halte ich aus? Bin ich mit zehn Jahren stark genug für ein USK 18-Spiel? Und natürlich herrscht auch hier Gruppenzwang: Was spielen die Freunde? Worüber reden sie in der Schulpause? Warum dürfen das "alle, nur ich nicht"?

Die meisten Heranwachsenden sind generell von dem Medium Computer-/Handyspiel begeistert: Hier dürfen sie Dinge unternehmen, die ihnen im wirklichen Leben verwehrt bleiben: schnelle Autos fahren, die Welt vor Außerirdischen retten oder Armeen anführen. In solchen Spielen verfügen sie über etwas, das sie sonst nicht haben: Macht! Im Alltag erleben sie sich als klein oder schwach. In Spielen hingegen schlüpfen sie in die Körper imposanter Personen und Gestalten und haben Autonomie.

Alle Entscheidungen, die der Sohn oder die Tochter in Spielen treffen, finden zudem in einer abgeschlossenen Welt statt und haben im echten Leben keine Konsequenzen. Im Spiel gibt es viele Leben, in der Realität nicht. Das kann die jungen Spielerinnen und Spieler meist gut auseinanderhalten.


Was bedeutet der Tod im Spiel?

Erwachsene und Kinder sehen das Thema "Sterben und Tod" im Spiel sehr unterschiedlich. In einem Thriller haben Eltern mit einer Leiche kein Problem, denn sonst geht es im Krimi nicht weiter. In Computerspielen verbinden sie den Tod jedoch mit dem echten Tod. 

Tatsächlich symbolisiert er im Videospiel nur eins: das Spielende – ganz gleich, ob man bei "Fortnite" die eigene Spielfigur verliert oder eben "Super Mario" mal danebenhopst und abstürzt. Das ist eine Erklärung, aber keine Verharmlosung. Eltern müssen brutale Spiele weder gutheißen noch erlauben.


Wie kann ich meine Tochter oder meinen Sohn vor brutalen und grausamen Inhalten schützen?

Gerade bei Spielkonsolen, Tablets, Smart-Fernsehern, Streamingdiensten (Netflix, Amazon Prime und anderen) und YouTube gibt es recht einfache Möglichkeiten, Jugendschutzeinstellungen vorzunehmen. Am Computer kann für Kinder ein eigener, begrenzter Zugang eingerichtet werden.

Diese technischen Möglichkeiten bieten aber keinen 100-prozentigen Kinderschutz vor Gewaltdarstellungen im Internet. Auch auf anderen Wegen kann man mit solchen Dingen konfrontiert werden: Nicht selten zum Beispiel schicken sich Schüler über das Smartphone (WhatsApp und Co.) nicht-kindgerechte Videos und Fotos zu.

Mindestens ebenso wichtig wie der technische Schutz bei digitalen Medien ist: Der Nachwuchs sollte wissen, dass er jederzeit zu den Eltern kommen kann, wenn er im Internet auf etwas Bedrückendes gestoßen ist. Gespräche über eine Nachricht der Tagesschau, über ein erschütterndes YouTube-Video oder über die Angst können das unwohle Gefühl deutlich mindern.


Mein Kind hat im Internet etwas Schreckliches gesehen – was kann ich tun?

In der Medienerziehung hilft eines immer am besten: mit den Kindern reden, im Gespräch bleiben. Gerade wenn der Nachwuchs noch jung ist, geht dies meist noch recht einfach. Eltern sollten offen über das Gesehene sprechen und ihn einordnen:

  • Ist die Tochter im Netz auf einen bedenklichen Inhalt gestoßen – mit Absicht, aus Versehen oder aus Leichtsinn –, sollten Sie ihr zunächst die Schuldgefühle nehmen.
  • Erklären Sie, dass manche Videos und Bilder nicht für Kinder geeignet sind. Andere werden gar mit Absicht ins Netz gestellt, um jüngeren Kinder Angst zu machen.
  • Gemeinsam sollten Sie überlegen, wie solche Vorkommnisse und Gefahren künftig vermieden werden könne.

Manchmal aber reicht das Sprechen nicht aus – besonders, wenn das Gesehene starke Albträume verursacht. Kann das Kind nicht mehr schlafen? Nässt es ein? Und wirkt es in sich zurückgezogen? Dann ist ein Besuch bei einem Kinder- und Jugendpsychiater ratsam.


Wie rede ich mit meinem Kind vorbeugend über angstmachende Inhalte im Internet?

Angst nachvollziehen!

Was machen Gewaltdarstellungen in Filmen und Spielen mit der Seele der Heranwachsenden? Angst, manchmal sogar große Angst. Um das emotional nachzuvollziehen, machen Sie ein Experiment: Schließen Sie kurz die Augen und erinnern Sie sich an den ersten Film, der Ihnen eine Riesenangst eingejagt hat. Wer sich daran erinnert, weiß genau, wie beklommen es sich damals angefühlt hat. Warum sollte das bei brutalen Spielen und YouTube-Videos anders sein?

Erzählen Sie ihrer Tochter oder ihrem Sohn von ihren Erfahrungen! Sprechen Sie gemeinsam über solche Ängste!

Regeln aufstellen

Legen Sie zusammen Regeln fest, was das Kind im Internet und am Handy darf und was nicht. Behalten Sie dabei auch das Thema "Gewaltdarstellungen" im Kopf:

  • Welche Spiele dürfen gespielt werden?
  • Darf YouTube genutzt werden (und wenn ja, wie?) oder eher die Version für Kinder (YouTube Kids)?
  • Welche Filme sind erlaubt?
  • Nutzen wir einen technischen Kinderschutz (bestimmte Einstellungen an Tablet, Konsole und Smartphone oder auch eine App)?

Denken Sie dabei daran, dass ein bisschen Spannung, ein ängstliches Kribbeln nichts Schlechtes ist. Jedes Kind ist anders und geht mit einzelnen Situationen anders um. Entscheiden Sie, wie viel Sie Ihrem Nachwuchs zumuten und zutrauen möchten.

Beim Erstellen von Regeln kann Ihnen die Internetseite zum Erstellen eines Mediennutzungsvertrags behilflich sein:


Zahlen & Fakten

Die USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle) ist für den Jugendschutz von Computer- und Konsolenspiele zuständig. 2018 wurden 6,7 Prozent der eingereichten Spielen ab 18 Jahren eingestuft, 16,2 Prozent ab 16 Jahren. Gemeinsam ist das ein Fünftel der geprüften Spiele.

Laut der KIM-Studie 2018 haben 50 Prozent der 12- und 13-Jährigen schon mal Spiele gespielt, für die sie laut Alterskennzeichnung der USK zu jung waren: also Spiele ab 16 oder 18 Jahren. Je jünger die Kinder, desto geringer ist der Anteil: Bei den 6- bis 7-Jährigen sind es aber immer noch 17 Prozent, die Spiele für Ältere (also zumindest ab 12 Jahren) genutzt haben.


Merksätze

  • Kinder sollten keinen Zugang zu Spielen und Apps mit USK 16 oder USK 18 haben.
  • Sie sollten auch keinen Zugang zu Filmen mit FSK 16 oder FSK 18 haben.
  • USK und FSK sind keine pädagogischen Altersempfehlungen! Sie zeigen nur auf, ab welchem Alter die Nutzung unbedenklich im Sinne des Jugendschutzes ist (bezüglich gewaltätiger oder sexueller Darstellungen).
  • Damit Kinder möglichst angstfrei aufwachsen können, ist Schutz nötig.
  • Wenn ein Hernawachsender Angst und Albträume durch Gewaltdarstellungen im Internet bekommt, helfen Vorwürfe ("Warum schaust du das überhaupt an?") nicht weiter.
  • Reale Gewalt macht jungen Menschen mehr Angst als inszenierte.
  • Jungen und Mädchen wissen meist um den Unterschied zwischen Gewaltdarstellungen im Spiel und realen Gewaltanwendungen. Aber:
  • Das ist aber kein Freifahrtschein für Kinder – auch nicht für die Eltern, die ihnen bei der Auswahl der Spiele und Apps freie Hand lassen.

Hilfreiche Angebote im Internet

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[Veröffentlicht oder aktualisiert am: 10.03.2020]
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